Monthly Archives: November 2012

Demo und Oper

Am kommenden Freitag ist die Demo gegen die Vertreibung junger Kultur aus der Stadtmitte, die von den Piraten, den JuLis und den jungen Grünen gemeinsam angestrengt wurde. Team Redenhalten (in dem Fall Benny und ich) werden vor Ort sein und die hoffentlich zahlreiche Zuhörerschaft zu hinreichender Empörung aufschaukeln.

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Nach der Demo gibt es noch Kontrastprogramm, nämlich Oper. Naja, Operette. Am Theater Hof feiert das Gilbert and Sullivan Werk “The Pirates of Penzance” in der deutschen Fassung Premiere, und natürlich müssen stilecht ein paar echte Piraten im Zuschauerraum sitzen, wenn Hof schon Piraten auf die Bühne tut. Die Pressemitteilung, die ich dazu geschrieben habe, liest sich so:

Wenn am Freitag, den 30.11.2012 die Operette “Die Piraten” am Hofer Stadttheater Premiere feiert, werden nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum ein paar Piraten zugegen sein.

“Wir sind entzückt über die Spielplanentscheidung des Theaters Hof”, so Tina Lorenz, kulturpolitische Sprecherin der Piratenpartei Bayern, “diese Operette hat einen ganz besonderen Wert bei uns, hat sie doch eine stark urheberrechtlich geprägte Entstehungsgeschichte. Deshalb freuen wir uns auf die Premiere am Freitag.”

Gilbert und Sullivan, respektive Komponist und Librettist von “The Pirates of Penzance”, sahen sich aufgrund ihres immensen Londoner Erfolges einer steigenden Anzahl an raubkopierten Produktionen aus dem amerikanischen Raum konfrontiert. Ihre Lösung war pragmatisch wie kommerziell ertragreich: die neue Operette wurde unter grossem Jubel in Amerika uraufgeführt.

“Gilbert und Sullivan haben in der Entstehung von ‘Die Piraten’ nicht nur Teile ihrer bereits existierenden Werke wiederverwendet, sondern auch Melodien und musikalische Themen aus der Volksmusik ihrer Zeit umgewidmet”, sagt dazu Tina Lorenz, “Diesen Akt würden wir heute Remix nennen. Mit dem momentanen Urheberrecht wäre die Operette so nicht entstanden. Deshalb fordern wir einen Umgang mit dem Urheberrecht, der Künstler_innen einen freien Ermessensspielraum zugesteht.”

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Politischer Aktivismus: Bobbycar fahren

Ich bin ein grosser Freund der Aktion, wenn es darum geht, politische Inhalte zu transportieren. Bürgerlicher Ausdruck biederer und ernsthafter politischer Vermittlung, dein Name ist Infostand. Kann ich auch, wenn ich muss. Kann aber anderes besser.

Zum Beispiel das mit der Aktion. Niemand hat je behauptet, dass Politik bieder sein müsse. Allerdings behaupten auch leider immer weniger Menschen, dass Politik Spass mache. Die Piraten sehen das ein wenig anders, deshalb sind sie auch offen für moderne Formen des AgitProp, die weniger mit stalinistischer Propaganda zu tun haben und mehr damit, Inhalte mit inszenierten Momenten im öffentlichen Raum zu vermitteln.
So wie das mit den Bobbycars. Wir wollten zuerst ein Seifenkistenrennen machen. Das haben wir uns dann aber selbst schnell wieder ausgeredet – zuviele Auflagen, zuviel Gefrickel an den Gefährten, zu gefährlich bei dem steilen Berg (dachten wir – mann sind wir übervorsichtig). Die nächste Idee war dann verwirklichbar: Bobbycars. Zur Zeit der Idee war der Regensburger ÖPNV noch nicht in der Presse. Zur Zeit der Aktion war das Thema brandheiss. Wir haben uns also voll in die lokale Debatte gestürzt. Die Lokalpresse hat das auch fein veröffentlicht.
Deshalb: nie wieder halbherzige Infostände, nur noch solche, für die man wirklich brennt. Und ansonsten abgefahrene Aktionen, verknüpft mit politischen Inhalten.
Wir haben noch viel vor: wir nehmen das mit dem Spass an der Politik wieder ernst.

Kultur. Technik. Politik. Ein Bericht vom Theater Barcamp in Hamburg

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Ein Dramatiker versteigert die Rechte an der Uraufführung seines neuen Stückes auf eBay. Eine Werbeagentur übernimmt die Facebook-Regie für das klassische Theaterstück eines Theaters. Eine Staatsoper streamt ihre Produktionen live ins Netz. Museen schaffen Stellen für Social Media Manager. QR-Codes werden an die Infotafeln von Gemälden gehängt.

 Yippieh-Kay-Yay, möchte man denken, wir sind im 21. Jahrhundert! Ein tieferer Blick allerdings beim Theater Barcamp #tchh am Hamburger Thalia Theater offenbart: ganz so schön ist die neue Welt dann doch (noch) nicht.

 Beim Abscannen von QR-Codes im Museum (und seien wir ganz ehrlich, wer benutzt das Zeug denn schon?) wird man von der Aufsicht gebeten, man möge das Fotografieren sein lassen. Die Staatsoper darf nur streamen, nicht aufbewahren und archivieren – der Urheberrechte wegen. Das Theater, das mit der Werbeagentur zusammen einen Internet-Coup landete bei der Facebookisierung des Theaterklassikers gibt selbst zu, dass das keine grosse Kunst gewesen sein könne: “Aber Spass hat es gemacht!”. Na dann.

 Es wird viel gesprochen über Marketing, social media Strategien, Twitter und Facebook. Und nur am Ende kommt ein bisschen die Frage auf, was man damit denn außer Karten verticken noch alles so machen könnte. Die Diskussion bleibt auf wenige Teilnehmer beschränkt. Es geht dann irgendwann um Sex und Multitasking. Auch schöne Themen, aber die Ratlosigkeit ist im Publikum deutlich zu spüren. Von Hackermentalität keine Spur. Vorsicht und vielleicht auch ein wenig Müdigkeit ist die vorherrschende Gefühlslage. Keine Pioniersstimmung, keine wilde Experimentierlaune. Die staatliche Förderung, Sie verstehen. Die technikskeptischen Intendanten, wissen Sie.

 

I call bullshit. Wir brauchen keine Vorsicht in der Kunst. Wir brauchen Wildheit. Mut. Und die Gewissheit, dass man auch scheitern darf. Wir brauchen Institutionen wie das Thalia Theater, die uns beim Scheitern mit Netzprozessen zugucken lassen, damit wir daraus lernen. Wir brauchen eine Kulturpolitik, die Experimente nicht nur duldet, sondern sie explizit fördert und auch fehlgeschlagene Versuche toleriert. Und wir brauchen ein Urheberrecht, das uns erlaubt, wild mit Inhalten um uns zu schmeissen, zu remixen, zu memen, zu vernetzen.

 Kulturnerds, Politiknerds und Techniknerds sind die drei Pfeiler einer Zukunftskultur, die wir grade beim Entstehen begleiten. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir entscheiden können, was wir mit der rohen Masse an Talent, an Möglichkeiten und an Ideen anfangen wollen. Ich persönlich weiss es schon.

 Und ihr?

CRE über Pornos

Damit das andere “P” in diesem Blog nicht zu kurz kommt, hier also ein Post über Pornos. Genauergesagt ein Post über einen Podcast über Pornos. Alles wundervolle P-Wörter. Der Godfather der Podcasts hat mich neulich besucht, herausgekommen ist ein hoffentlich unterhaltsamer Beitrag zum Thema Pornografie.

Enjoy.

Unerwünschtes Verhalten – wem gehört der öffentliche Raum?

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Hier wird unerwünschtes Verhalten an die Kette gelegt: der Regensburger Bahnhof soll “sauberer” werden.

 

 

Nachdem die CSU und die FDP einen wundervollen Kuhhandel zum Thema längeres Tanzen an Stillen Tagen gegen das Recht der Kommunen, Alkoholverbot an öffentlichen Plätzen auszusprechen ausbaldowert haben, zeigt sich recht schnell das Ausmaß der ganzen Scheiße.  

Hier geht es mitnichten um den Alkohol, hier geht es auch nicht darum, Schnapsleichen zu verhindern oder besser mit Besäufnissen umzugehen – dafür haben die Kommunen noch genug verwaltungssanktionierte Festivitäten durch das Jahr verteilt. Nein, es geht um die Einfriedung des öffentlichen Raumes, es geht um die Verdrängung von sogenanntem “unerwünschten Verhalten”. Hier sollen “soziale Brennpunkte” durch ein Alkoholverbot aus den touristisch wertvollen oder anwohnersensiblen Gegenden verdrängt werden.

Ganz vorne mit dabei: Regensburg. Am Bahnhof wurde die neue Macht der Kommunen gleich in die Tat umgesetzt. Rauchen ist nur noch auf dem geräumigen Bahnhofsvorplatz gestattet und auch nur in Reichweite einer der beiden Aschenbecher. Trinken ist nach dem nun ausgesprochenen Verbot dort gar nicht mehr gestattet, und auch der übliche Aufenthaltsort der Handvoll stadtbekannter Rumhänger ist bereits mit einer überdimensionierten Kette und drei traurigen Grüngebilden verriegelt und verrammelt.

Und das ist – gelinde gesagt – Scheisse. Der öffentliche Raum heisst deshalb so, weil er uns gehört, der Öffentlichkeit. Das Ordnungsamt der Stadt und die Polizei hat jetzt bereits mehr als genug Handhabe mit Menschen umzugehen, die aufgrund von allzu krassem Besäufnis zu einer Gefahr für sich und andere geworden sind oder zu werden drohen. Die Beschneidung des öffentlichen Raumes ist eine Gefahr für uns alle. Ein Präzedenzfall jagt bekanntlich den nächsten. Und nur, weil es vielleicht uns grade nicht akut betrifft, ist nicht zu sagen, ob nicht demnächst unser Verhalten “unerwünscht” wird.

Ich will keine saubere Stadt. Ich will eine lebendige Stadt, eine authentische, eine vielfältige. Ich will keine Stadt der Verbote, sondern eine, in der der öffentliche Raum in der Tat noch seines Namens wert ist.