Kultur. Technik. Politik. Ein Bericht vom Theater Barcamp in Hamburg

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Ein Dramatiker versteigert die Rechte an der Uraufführung seines neuen Stückes auf eBay. Eine Werbeagentur übernimmt die Facebook-Regie für das klassische Theaterstück eines Theaters. Eine Staatsoper streamt ihre Produktionen live ins Netz. Museen schaffen Stellen für Social Media Manager. QR-Codes werden an die Infotafeln von Gemälden gehängt.

 Yippieh-Kay-Yay, möchte man denken, wir sind im 21. Jahrhundert! Ein tieferer Blick allerdings beim Theater Barcamp #tchh am Hamburger Thalia Theater offenbart: ganz so schön ist die neue Welt dann doch (noch) nicht.

 Beim Abscannen von QR-Codes im Museum (und seien wir ganz ehrlich, wer benutzt das Zeug denn schon?) wird man von der Aufsicht gebeten, man möge das Fotografieren sein lassen. Die Staatsoper darf nur streamen, nicht aufbewahren und archivieren – der Urheberrechte wegen. Das Theater, das mit der Werbeagentur zusammen einen Internet-Coup landete bei der Facebookisierung des Theaterklassikers gibt selbst zu, dass das keine grosse Kunst gewesen sein könne: “Aber Spass hat es gemacht!”. Na dann.

 Es wird viel gesprochen über Marketing, social media Strategien, Twitter und Facebook. Und nur am Ende kommt ein bisschen die Frage auf, was man damit denn außer Karten verticken noch alles so machen könnte. Die Diskussion bleibt auf wenige Teilnehmer beschränkt. Es geht dann irgendwann um Sex und Multitasking. Auch schöne Themen, aber die Ratlosigkeit ist im Publikum deutlich zu spüren. Von Hackermentalität keine Spur. Vorsicht und vielleicht auch ein wenig Müdigkeit ist die vorherrschende Gefühlslage. Keine Pioniersstimmung, keine wilde Experimentierlaune. Die staatliche Förderung, Sie verstehen. Die technikskeptischen Intendanten, wissen Sie.

 

I call bullshit. Wir brauchen keine Vorsicht in der Kunst. Wir brauchen Wildheit. Mut. Und die Gewissheit, dass man auch scheitern darf. Wir brauchen Institutionen wie das Thalia Theater, die uns beim Scheitern mit Netzprozessen zugucken lassen, damit wir daraus lernen. Wir brauchen eine Kulturpolitik, die Experimente nicht nur duldet, sondern sie explizit fördert und auch fehlgeschlagene Versuche toleriert. Und wir brauchen ein Urheberrecht, das uns erlaubt, wild mit Inhalten um uns zu schmeissen, zu remixen, zu memen, zu vernetzen.

 Kulturnerds, Politiknerds und Techniknerds sind die drei Pfeiler einer Zukunftskultur, die wir grade beim Entstehen begleiten. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir entscheiden können, was wir mit der rohen Masse an Talent, an Möglichkeiten und an Ideen anfangen wollen. Ich persönlich weiss es schon.

 Und ihr?

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2 thoughts on “Kultur. Technik. Politik. Ein Bericht vom Theater Barcamp in Hamburg

  1. Wir sind fürs erste Mal recht zufrieden, haben aber schon jede Menge Ideen, wie man´s besser machen könnte. Mehr Spontaneität und Experimentierfreude reinzubringen, wäre auf jeden Fall ein Ziel. In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal 🙂

  2. […] das P-Wortgibt es einen Bericht vom Theater Barcamp in Hamburg und somit eine interessante Zusammenfassung der dort geführten Diskussionen: Wie könnte Technik […]

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