Das Internet, ein panoptischer Spiegel?

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Johannes Thumfart hat in der taz einen Artikel über den Datenschutz geschrieben. Genauer gesagt, warum wir ihn vernachlässigen. Thumfart zeichnet ein Bild eines digitalen Panopticons, einer diffusen Überwachungsmentalität, in der der Schwarm die anonyme Entität des Überwachers einnimmt, zu der wir uns im Internet zwangsweise verhalten. Er zieht Parallelen zur Lacanschen Spiegeltheorie und zeigt auf, dass wir gesehen werden möchten, weil wir uns selbst nicht betrachten können.

Hier meine Erwiderung auf seinen Artikel:

Die Idee des Bentham’schen Panopticons ist eine der systematischen Demütigung, des Strafens und des Disziplinierens. Es geht dort um die Eindämmung unerwünschten und schlechten Verhaltens mit Hilfe einer allgemeinen Überwachungsmentalität: Die Gefangenen im Panopticon können nicht sehen, wer sie überwacht und wer sie sieht. Der Staat als Gefängniswärter und wir als permanent Überwachte und potenzielle Verbrecher: das war die Schreckensphilosophie, die Foucault so genervt hat, und gegen die wir ankämpfen. Der Staat soll nicht die Voraussetzungen schaffen, um dem mündigen Bürger seine Mündigkeit, seine Eigenverantwortlichkeit und sein Recht auf Unbeobachtetsein wegzunehmen. Es gebührt keinem Staat, einen Überwachungsrahmen wie den des Panopticons zu schaffen, in dem wir in permanenter Angst vor dem Gesehen- und Bewertetwerden leben müssen und in dem wir uns ständig wie Verbrecher fühlen müssen. Das Panopticon ist das Resultat eines negativen Menschenbildes.

Im Internet, schreibt Thumwart, setzen wir uns diesen Mechanismen freiwillig aus: wir lassen uns beobachten, bewerten, wir stellen unser Innerstes nach Aussen – weil uns das Gesehenwerden wichtiger ist als der Aspekt des potenziell Bestraftwerdens. Die Spiegeltheorie von Lacan – dass wir Spiegel brauchen (mechanische oder menschliche), damit wir uns selbst näherkommen können, uns selbst betrachten können – greift laut Thumwart im Internet besonders. Wir geben unsere Individualität auf und legen Entscheidungen in die Hände eines diffusen Schwarms.

Das ist so nicht richtig. Wir sind mündige Menschen. Auch im Internet. Wir haben die Möglichkeit, mittels Medienkompetenz über die Mechanismen des Internets und unseren Anteil daran zu reflektieren. “Denke selbst” ist in der heutigen Zeit eine der wichtigsten Maximen überhaupt: nur wenn wir das, was um uns herum vorgeht, beständig kategorisieren und in den eigenen Wertekosmos einordnen, können wir als Entität im Internet bestehen. Anders als Thumfart wage ich hier den Umkehrschluß: wir überwachen uns nicht gegenseitig, sondern wir erziehen uns in bester Aufklärungsmanier zu besseren Menschen. Das Internet sorgt für die Schärfung unserer Ethik, unserer Werte. Es hilft, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und mit Gegnern zu debattieren, den eigenen Kosmos zu stärken und gegebenenfalls zu erweitern.

Für mich ist das Internet weder ein Panopticon – ein Apparat des Disziplinierens und Strafens – noch ein Spiegel. Für mich ist das Internet eine Erweiterung unserer Sinne, unseres Denkens. Ein stetiger Input, den wir für uns selbst kategorisieren und einsortieren müssen. Es ist eine Heterotopie, in der die normativen Gesetzmäßigkeiten temporär außer Kraft gesetzt werden können. Die nur mit dem Rüstzeug unseres eigenen Denkens, unserer Werte und unserer Ethik kartierbar, rückübersetzbar und verständlich ist:

Denke selbst.

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One thought on “Das Internet, ein panoptischer Spiegel?

  1. ST says:

    In dem TAZ-Artikel wird implizit die sonderliche Annahme getroffen, dass es sich bei den Leuten die sich im (Zitat) “Schlüppi” bei Facebook zeigen und denen, die wegen Verletzungen des Datenschutzes durch Staat und Wirtschaft protestieren, um dieselben Leute handelt. Ich stelle die These in den Raum, dass die Schnittmenge von Schlüppi-Facebookern und datenschutzbewussten Netzbewohnern eher gering ist.

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