Re-Theatralisierung der Politik und die Piraten

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(Sorry Gregory, nur ein Beispielbild, keine persönliche Kritik ^^)

Nach dem Gespräch mit einer angehenden Theaterwissenschaftlerin über Theater und Politik habe ich nach Theorien zu dem Thema gesucht und bin über einen Artikel von Herfried Münkler namens “Die Theatralisierung der Politik” gestolpert [1]. Er ist deshalb spannend, weil er sich direkt auf die Piraten und deren Politikstil übertragen lässt.

Münkler führt in seinem Artikel den historischen Wandel von logozentrierter zu ikonozentrierter Politik an und verknüpft diesen immer wieder geschehenden Wandel mit dem Verlust republikanischer Ideale (145). Was er damit sagen will ist Folgendes: Wenn Sprache, also Debatte und der Austausch von Argumenten in einem politischen Diskurs überwiegt, ist der politische Prozess klar bezeichnet – nicht nur transparent und nachvollziehbar, sondern auch niederschwellig und zur Teilnahme einladend. Man hört sich die Argumente des anderen an, trägt seine eigenen vor und nach der Betrachtung aller Seiten wird eine gemeinsame Entscheidung gefällt. Ein nüchterner Vorgang, der den Kern demokratischer Arbeit bildet. Wenn jetzt Sprache und damit das Argument als politisches Mittel durch das Bild abgelöst wird, verändert sich auch die Funktionsweise des politischen Prozesses: wenn das Argument einer Politikerin hinter dem zurücksteht, wessen Hände sie schüttelt und welche Farbe ihre Kleidung hat, ob sie Sandalen anhat oder einen Bademantel trägt, dann stehen wir an dem Punkt, den Münkler als “politisches Theater” kritisiert: “In der Sicht des Republikanismus wurde politisches Theater damit zu einer pejorativen Bezeichnung: Politik werde hier bloß vorgespielt, während sich die Wahrheit des politischen Geschehens erst dem Blick auf das hinter der Bühne Stattfindende eröffne.” (147)

Wenn aber Politik ein Spiel ist und damit theatrale Züge bekommt, dann verändert sich auch die Rolle des Volkes in diesem Prozess: von aktiven und mündigen Mitdenkern hin zu passiven Zuschauern einer Politikposse, die sich von den Spielen, Provokationen und den Bildern einer repräsentativen Politik unterhalten lässt, die aber keine Möglichkeit mehr hat, den wahren Kern politischen Arbeitens nachzuvollziehen, geschweigedenn mitzudenken und zu -gestalten.

Und hier kommen jetzt die Piraten ins Spielfeld der Politik. Mit Mitbestimmung, Beteiligung und dem Wunsch, Politik wieder näher an die Menschen zu bringen und Demokratie “direkter” werden zu lassen, also Teil der Lebenswirklichkeit der Leute. Unsere innerparteilichen Werkzeuge der direkten Demokratie sind auf Stimmenabgabe ausgerichtet (Liquid Feedback) und auf das Vorbringen und Abwägen von Argumenten (Wiki Arguments). Das Interessante daran ist, dass selbst die Piraten – also wir – den Prozess der Enttheatralisierung nicht als notwendig begriffen haben: wir lassen uns in den selben ikonozentrierten Politikstil mitreissen, den wir eigentlich abbauen wollen. Es gibt einen Prozess der demokratischen Willensbildung, den wir unter Kontrolle haben: den innerparteilichen. Dass wir dort das Argument und den sachlichen Austausch hinter das Bild, die Repräsentation stellen, ist bedauerlich.

Das, was wir als “Anders Machen” interpretiert haben – die lustigen Dekorationen, die Verkleidungen, die Abendgarderobe und die Bademäntel der Bundesparteitags-Veranstaltungsleitung – sind also nicht der Ausbruch aus einem entdemokratisierenden System, sondern nur die andere Seite derselben ikonozentrierten Medaille. Nicht das Spektakel, das Bild und das Theater ist der Politikstil den wir wollen, sondern das argumentative Engagieren des Volkes in die Entscheidungen und Denkprozesse einer lebendigen Demokratie. Das würde für unsere Parteitage und für unsere innerparteiliche Meinungsfindung bedeuten, dass wir uns den Anträgen und Papieren in größtmöglicher Nüchernheit widmen; dass wir Rhetorik vor Optik stellen; dass wir Sachargumente austauschen anstatt uns ad hominem anzugreifen. Kein Bällebad sondern sprachlicher Austausch. Anträge aufgrund ihrer Argumente beurteilen, nicht über ihre Güte anhand der Person der Antragsteller entscheiden.

Wir sind es gewohnt, uns vor dem Theater zurückzulehnen und uns beplaudern und unterhalten zu lassen. Wir sollten vor der Politik nicht die gleiche Haltung einnehmen.

[1] Münkler, Herfried. “Die Theatralisierung der Politik”, in: Früchtl, Zimmermann (Hg.). Ästhetik der Inszenierung. Frankfurt am Main: suhrkamp, 2001. 144-165.

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