Romeo und Julia / tumblr Version

Screenshot tumblr Romeo und Julia

Screenshot des “Romeo und Julia” tumblrs

Das Internet, sagte schon der berühmte Online-Theoretiker Bert Brecht, das sei der Ort, an dem jeder Empfänger zugleich ein Sender sein könne. Nirgendwo sieht man den Willen zum eigenen Ausdruck mehr als auf Plattformen wie Youtube, Facebook, oder auf den verschiedenen Aggregatseiten, von denen tumblr die bekannteste ist. Hier folgt Bild an Bild, zusammenkopiert aus den Weiten des Internets, kommentarlos aufeinander, verknüpft nur durch einen diffusen, und weniger einen differenzierten ästhetischen Faden – die unterliegenden Konnotationen irgendwo im Gefühlsfeld zwischen Sehnsucht, Verlangen, Freiheit und Jugend. Als Konglomerat ergeben diese visual streams einen Abdruck dessen, was man Zeitgeist nennen könnte, oder eben Ausdruck. Ausdruck dessen, wie sich eine Generation ihr Leben schönträumt.

Dass man Aggregatsites nicht nur als digitales Poesiealbum benutzen kann, hat neulich der Münchner Regisseur Manuel Braun bewiesen. Er hat ein Stück auf tumblr inszeniert – Romeo und Julia. Und weil Manuel Braun das Internet verstanden hat, hat er nicht Theatermechanismen ins Netz gedrückt, sondern den Shakespeare so roh, so brutal und so grauenvoll wie er nun mal ist, als visual stream erzählt. Zugegeben, man muss wissen, welche visuellen Tropen tumblr hervorbringt und wie die User diese nutzen; man muss sich gehen lassen mit der oft sehr frei gehaltenen Assoziationskraft der Bilder, die nur im Zusammenhang des visual streams ihre ganze Kraft entfaltet. Erst dann, aber dann mit Gewalt, ist man dieser Inszenierung völlig ergeben. Wer hier versucht, in Einzelbildern spezielle Symbole zu erkennen (wie Spiegel Online es etwas unbeholfen tut, als ein Bild Putins kurzerhand zu der Figur von Julias Vater deklariert wird), der bleibt aussen vor in der trockenen Region des rätselnden Entschlüsselers. Hier geht es nicht um das konkrete Einzelbild – hier geht es um die durch assoziative Ästhetik hervorgerufene Emotion. tumblr eben. Und jetzt auch Shakespeare.

Braun verzichtet in seinem Bilderreigen fast vollständig auf erklärenden Text; nur hier und da sind markante Zitate eingestreut, die in etwa erraten lassen, wo in der Geschichte wir uns befinden (die URL der einzelnen Szenen und Akte ist da auch aufschlussreich). Die Sogkraft der Bilder und animated GIFs wird nur in der Balkonszene ergreifend durchbrochen, in der Braun verschiedensprachige Dialoge aus der Szene aneinandermontiert und mit einem einfachen “just listen” kommentiert. Das ist nicht nur zum Heulen schön, sondern greift auch auf, wie sehr auf das Sichtbare, Ansehnliche das Internet bezogen ist. Hier, wo wir nur Stimmen hören, in Sprachen, die wir vielleicht nicht kennen, geht es rein um das intonierte Verlangen, die Sehnsucht, das quasi paralinguistische Verzweifeln. Zweifellos einer der Höhepunkte dieser Inszenierung.

Wenn auch die von Braun innerhalb von zwei Jahren zusammengetragenen Bilder zu Beginn und Ende der Inszenierung etwas zu plakativ für meinen Geschmack sind, besticht dieses Projekt doch dadurch, dass es eines der ersten Theaterprojekte im Internet ist, das tatsächlich funktioniert. Aber ist es denn überhaupt noch Theater? Nach gängiger Definition, die Unmittelbarkeit der Darstellung, Ereignischarakter und zeitliche und räumliche Überschneidung von Darstellung und Rezeption beinhaltet, sicherlich nicht. Aber es gibt noch eine andere Definition von Theater – nach der ist alles Theater, was als Theater gedacht, und was Theater genannt wird. Nach dieser Definition ist Manuel Brauns Romeo-und-Julia-tumblr Theater. Internettheater.

Romeo und Julia. tumblr-Log. http://romeojuliablog.tumblr.com/

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